Späte Weihnachtspäckchen kurz vor Ostern – und Dianas Herzenswunsch – Schüler des Charlotte-Paulsen-Gymnasiums helfen Tschernobyl-Kindern

Warum denn so spät? Für die Kinder in der Tschernobyl-Region in der Ukraine, einer radioaktiv verseuchten Umgebung, in der nach dem Reaktorunglück von 1986 die Infrastruktur völlig zusammengebrochen ist, die Erwachsenen arbeitslos, weil die Atomindustrie, die Landwirtschaft und der Tourismus keine Arbeitsplätze mehr hergeben, die Eltern an Krebs sterben oder völlig den Lebensmut verloren haben, weit unterhalb des Lebensminimums ihr Dasein fristen, kaum ihre ärmlichen Hütten erhalten können und sich von dem ernähren, was auf ihrem verseuchten Boden wächst, für sie ist jede Hilfe zu jeder Zeit ein einziges Glück. Und ja, es hat so lange gedauert, weil viele Menschen mitgeholfen haben und wir die Päckchen wieder persönlich überreichen wollten.

Der Verein „Pryvit – Hilfe für Tschernobylkinder e.V.“, der in jedem Sommer etwa 20 Kinder zum Erholungsaufenthalt und zu ärztlicher Behandlung in das Schullandheim Erlenried einlädt, hat gute Kontakte zum Heinrich-Heine-Gymnasium in Poppenbüttel und zum sozial engagierten Charlotte-Paulsen-Gymnasium in Wandsbek. Hier sammelten Eltern und Schüler im November 2018 Spenden: Drogerieartikel, Schreibwaren, Mützen, Schals, Handschuhe und ein wenig Spielzeug und Schokolade. Die Klassen 10a und 7a haben im Dezember 2018 Schuhkartons weihnachtlich beklebt und an einem Adventsnachmittag mit den Lehrerinnen Janine Schönfeld, Nina Pätzig und Regine Fiebig und etlichen Eltern der 7a, die von der Aktion begeistert waren, liebevoll gepackt. Ein LKW transportierte dann im Januar 2019 die 10 Säcke mit diesen Päckchen in die Ukraine, wo die engagierte Lehrerin Alla Iwanowa Dzedzenko im Dorf Naroditschi die Weihnachtspäckchen in Empfang nahm.

Ende Februar 2019 flog eine Delegation des Vereins „Pryvit“ nach Kiew (Janine Schönfeld, Regine Fiebig und zwei weitere Mitglieder des Vereins) und hat in Naroditschi die Kinder vom Sommer 2018 getroffen und die Päckchen überreicht. Welch eine Wiedersehensfreude! Auch die neuen Kinder, die die Delegation besucht hat, und von denen die meisten im Sommer 2019 nach Großhansdorf kommen werden, erhielten Päckchen. Strahlende Augen glücklicher Kinder! Wie große Schätze haben sie die Kartons nach Hause getragen. Auch Ostern werden sie sich noch an dem Inhalt erfreuen und endlich mal Zähne putzen können, denn Zahnbürsten und Zahnpasta sind in der Region weitgehend unbekannt, die Busfahrt zum Zahnarzt im 150 km entfernten Kiew kann sich kaum jemand leisten, die Eltern haben viele Zahnlücken, die Kinder Löcher in den Zähnen.

 

 

Überhaupt waren wir wieder erschüttert von der Armut und dem Verfall. Ein Auto hat dort fast niemand. Abgesehen von Polizei, Feuerwehr, Linienbus, Schulbus, LKWs und Lieferwagen gibt es praktisch keine

Kraftfahrzeuge. Manchmal sieht man Pferde, die Leiterwagen ziehen. Es ist also schön ruhig dort, und es wäre vielleicht sogar als idyllisch zu betrachten, aber hier ist es ein Zeichen absoluter Armut. Auch Wasserleitungen gibt es selten, meist wird das Wasser aus dem Brunnen geholt, und natürlich hat man dann auch keine Waschmaschine und kein WC. Das kleine „Café“ in Naroditschi hat ein Stehplumpsklo, und in diesem Jahr hatten wir Glück, dass das Wasser zum Händewaschen nicht im Kanister eingefroren war.

Die meisten Familien besitzen eine Kuh, ein Schwein, ein paar freilaufende Hühner, einen Hund und eine Katze. Das klingt vielleicht nach glücklichem Kleinbauernleben, aber wenn das Schwein geschlachtet ist, dauert es oft Monate, bis der erwachsene Sohn einen Kredit aufnehmen kann um ein neues Schwein zu kaufen. Die Küche hat traditionell eine gemauerte Feuerstelle, die als Ofen und als Herd dient und meist der einzige Aufenthaltsort der Familie ist. In den übrigen Zimmern stehen Betten dicht an dicht. Durch die alten Fenster zieht es. Neue Fenster sind selten, sie müssen meist auf Kredit gekauft werden. Die Elektrik ist in fast jedem Haus in katastrophalem Zustand, es gibt kaum noch Handwerker, und die sind dann auch nicht bezahlbar. Viele leben nur von der schmalen Rente der Großmutter und dem Kindergeld. Es kommt sogar vor, dass die gesamte Rente für Krankheitskosten gepfändet ist. Die meisten Häuser sind längst verlassen, wer irgend konnte, ist aus der verstrahlten Region geflüchtet. Übrig geblieben sind die Ärmsten der Armen. Es gibt nur noch wenige Läden, überall ist Leerstand zu beobachten. Und auch die Straßen sind in katastrophalem Zustand: Jede Autofahrt ist eine Achterbahnfahrt um riesige tiefe Löcher im Asphalt. Da braucht man Humor, um die langen Fahrten zwischen den Dörfern zu ertragen. Ein großes Lob an unseren talentierten Fahrer, dass wir uns keinen Achsbruch geholt haben! Und dann roch es plötzlich nach Feuer: Die Bauern fackeln offenbar das Unkraut an den Straßenrändern ab, damit es nicht auf die Felder wächst. Eine alte Technik, die hier längst verboten ist – wie ein Hauch von Osterfeuer!

Und was können wir nun für die Kinder tun? Ina sah sehr traurig aus, als wir sie besuchten: Ihre Brille, die sie hier bekam, und mit der sie nun endlich lesen konnte, was an der Tafel steht, ist zerbrochen, der Optiker in der Nähe ist nicht in der Lage sie zu reparieren, die Fahrt nach Kiew zu kostspielig. Wir haben hier eine neue Brille bestellt und sie ihr nach Naroditschi geschickt. Veronikas Fahrrad hat nicht nur einen platten Reifen, sondern ist völlig hinüber: Das Tretlager ist ausgeschlagen. Wir haben ihr Geld für ein neues Fahrrad gegeben, damit sie damit den weiten Weg zur Schule fahren kann. Oleksandra wird hier im Sommer ein Hörgerät angepasst bekommen.

Aber unser größtes Sorgenkind ist die 17jährige Diana: Ihre Wirbelsäule und ihr Brustkorb sind so deformiert, dass sie ohne Hilfe nur noch 10 Jahre zu leben hätte. Schon heute leidet sie unter Atemnot. Wir haben sie auf dem Rückflug mit nach Hamburg genommen. Sie wurde im Skoliose-Zentrum der Schön Klinik in Neustadt sehr gründlich untersucht, und inzwischen steht fest: Eine Operation ist möglich, wenn auch riskant. Möglicherweise ist Diana danach querschnittsgelähmt, aber das Risiko nimmt sie in Kauf: Sie will leben und in Kiew Informatik studieren. Ihr Wahlspruch: „Choose to be optimistic always feels better.“ Nun versucht „Pryvit“, die 30.000 Euro für die Operation im Sommer 2019 zusammenzubekommen und ihr damit ihren großen Wunsch zu erfüllen. Charlottes Talente starten am 5. April um 19.30 Uhr schon mal mit einem Benefiz-Abend im Charlotte-Paulsen-Gymnasium.

Regine Fiebig, Vorsitzende von „Pryvit“

 

Wenn Sie für den Verein Pryvit und die Hilfe für Kinder in Tschernobyl spenden wollen, hier die Kontoverbindung des Spendenkontos:

Pryvit- Hilfe für Tschernobylkinder e.V.

IBAN DE16 2005 0550 1241 1508 28
BIC HASPDEHHXXX

Spendenbescheinigungen können ausgestellt werden.